Prinzähssinnen @ Most Magazine

2000 - Most Magazine Jan/Feb

Samstag, 01 Januar 2000
Annette Müller
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Prinzähssinnen

Ein HipHop-Theater

HipHop, ein Theater um den Geschlechterk(r)ampf: Bald 30 Jahre nach der Erreichung des Frauenstimmrechts in den meisten Schweizer Kantonen ist die Gleichberechtigung rechtlich verankert, an der Gleichstellung haperts jedoch noch hie und da. Die bisher erreichten Resultate sind eindeutig das Verdienst der Emanzipationsbemühungen unserer «Emma»-lesenden und lilatragenden Mütter.
Wie unsere Generation von Frauen mit diesem Erbe umgeht, diese Frage brannte den in einem emanzipierten Haushalt aufgewachsenen Regisseur und Schauspieler Tom Ryser. Er bildet zusammen mit Skelt! von P-27 und Eva Watson das Produktionsteam Gendertainment, das sich schon einen Namen durch die Inszenierung des HipHop-Theaters «Gleis X» gemacht hat. Mit «Gleis X» kam er auch erstmals wirklich mit HipHop in Berührung. Er ist gerne Gast dieser Kultur und ist fasziniert von Freestyle, «einer der schönsten Ausdrucksformen».
«Ich wünsche mir die Frauen tough, stolz, selbstbewusst und glücklich!»

«Was machen diese Frauen heute nun anders? Was sind die nächsten Schritte? Dieser Frage wollte ich nachgehen. Ich wünsche mir die heutigen jungen Frauen stolz, selbstbewusst und glücklich!» prnzhssnn elenasagt er. An einer von Frauen organisierten Female Jam in Zürich traf er auf die geeigneten Frauen für sein nächstes Projekt, das sich dieser Fragestellung nähern sollte. Unter anderem im Jugendhaus Dynamo wurde dieses, das Theaterstück «Prinzähssinnen» einem jungen und durchmischten Publikum vorgeführt und gezeigt, mit welchem Selbstverständnis die (HipHop-)Frau von heute mit sich und ihrem Körper umgeht. Das gesellschaftskritische Stück, bei welchem fünf Zürcher HipHop-Aktivistinnen und drei junge Frauen aus Basel als Schauspielerinnen mitwirken, verfolgt keine fortlaufende Geschichte, sondern erzählt kleine Episoden, die mit beissender Ironie den Status Quo und aktuelle Themen des Geschlechterkampfes aus der Sicht des Weibes darstellt.

Beissende Ironie und lustvolle Selbstverständlichkeit

Im Stück wird frohgemut über «Löcher» assoziiert, werden schwangere Barbies und ewig doof grinsende Kens verprügelt, der Riesenbusen Pamela Andersons mit beissender Ironie prnzhssnn zislächerlich gemacht (Was macht man damit wenn man rennen will? Unter die Arme nehmen?) und die Probleme der Tage während der Tage mit entwaffnender Offenheit gezeigt. Mit lustvoller Selbstverständlichkeit werden schlüpfrige Themen erörtert, die den Zuschauer zum vergnügt-verlegenen Auflachen bewegen und gleichzeitig ein beabsichtigtes Umdenken vorantreiben. Mit Raps, Show- und Breakdanceeinlagen wird der Abend zu einem abwechslungsreichen Event.

Von genial bis beschissen

Mit dem Resultat zeigt sich auch Tom Ryser sehr zufrieden. «Es traf meine Erwartungen, weil es anders herauskam als ursprünglich gedacht war. prnzhssnn leaIch habe immer dann Interesse an einem Projekt, wenn es ein Experiment darstellt und das Ende ungewiss ist.
Wenn es kein Vorbild und keine Lösung gibt. Ich bin schlussendlich zufrieden, weil es ein sehr streitbares Stück ist. Von genial bis beschissen habe ich schon alles an Zuschauerreaktionen gehört und vor allem: ganz viele sehr spannende Diskussionen über dieses Thema!»

Ohne Furcht ins Vulgäre abgleiten

prnzhssnn lindaEine erste Näherung den Geschlechterk(r)ampf in der Gesellschaft (und nicht zuletzt auch im HipHop) zu lockern, sieht er in der Normalisierung und Enttabuisierung sogenannter schmutzigen Wörter. Er möchte durch deren selbstverständlichen Gebrauch die Spitze brechen und das Beleidigende nehmen. Indem er zum Beispiel «Prinzähssinnen» inszeniert, das ein vorbildliches Exempel statuiert. Wahrscheinlich war es gerade notwendig, dass er toughe und selbstbewusste Frauen für sein Theater-Projekt auswählte, prnzhssnn angeladie mit der geforderten Selbstverständlichkeit das Thema anzugehen vermochten und die unter «Girl-Power» kein Rumgezappel im Spice-Girl-Verschnitt verstehen. Dass er solche Frauen grösstenteils in der HipHop-Kultur fand, ist vermutlich insofern kein Zufall, als dass gerade im HipHop ein solches Persönlichkeitsprofil Voraussetzung ist und die sich in der Männerdomäne HipHop zurechtfindenden Frauem gezwungenermassen sehr bewusst über jene Vorgänge sind. Furcht durch seine Art der Inszenierung ins Vulgäre abzugleiten, hat Ryser nicht. «Ich wurde auch schon schubladisiert und für pervers gehalten, weil ich eine nackte Frau auf der Bühne hatte. Dabei wird immer der schöne und lustvolle Aspekt vergessen.»

Die Macht der Sexheftli

prnzhssnn monikaEin zweiter notwendiger Schritt ist gemäss Regisseur Ryser die Förderung von Achtung und Ehrfurcht gegenüber dem anderen Geschlechtsteil. Er empfindet den Umgang damit hierzulande als viel zu verkrampft: «Unsere Gesellschaft hat mit den Genitalien sehr Mühe. Dies ist anders in Indien, wo sie in einigen Religionen als heilig gelten und dementsprechend damit umgegangen wird. Was für mich sehr viel Sinn macht. Wieso geben wir die ganze Macht den Sexheftli? Hätten wir früher schon ein Repertoire gehabt, prnzhssnn oliviaum darüber zu reden, wäre auch die Möglichkeit zur Diskriminierung kleiner. Der ganze Kampf resultiert doch aus Nichtwissen und Missachtung!» Die ehemalige Prostituierte Annie Sprinkle hat seiner Meinung nach das Richtige getan. In einer ihrer Performances zog sie sich aus und legte sich auf der Bühne auf einen Gynäkologiestuhl. Dann forderte sie das Publikum, sowohl Frauen als auch Männer, dazu auf, einmal ganz genau hin(ein)zusehen und auch Fragen zu stellen. «Ich glaube, wenn mehr Leute sich dies genauer anschauen würden, hätte dies mehr gegenseitiges Verständnis für das andere Geschlecht zur Folge und insofern auch Auswirkungen auf das Zusammenleben.»

«Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger weiss ich...»

prnzhssnn zainabDass sich Tom Ryser schon einige eingehende Gedanken zu diesem Thema gemacht hat, ist leicht zu erkennen. Auf die Frage, ob dieses Thema für ihn nicht schon zu fest durchgekaut ist, meint er: «Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger weiss ich. Das ist wohl bei allen grossen Themen dieser Welt grundsätzlich so. Es liegt in der Natur der Sache von Mann und Frau an sich, dass das Thema nie beendet ist. Das Geheimnis, das du für mich als Frau hast, das hast du und wirst es auch behalten. Wir könnten uns noch so gut kennen, das würde sich nie auflösen. Das steht über uns. Die Macht der Beziehungen, das ist ein ewig spannendes Spiel.»

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