2017 - «Drummeli» @ basellandschaftlichezeitung.ch

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Mittwoch, 08 Februar 2017
Martina Rutschmann
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Anonymer Drummeli-Autor: «Die Fasnacht ist kein Freipass für alles»

drummeli2017 bz ch 170208

Ein anonymes Team schreibt die Rahmenstücke - sie spielen diese auf der Bühne: Skelt!, Andrea Bettini, Hugo Buser, Patrick Gusset (v.l.).

Ein anonymer Rahmenstückautor sagt, worauf sein Team achten muss, damit die Stücke beim Publikum gut ankommen.

Es ist ein konspiratives Treffen. Denn an dieser Stelle darf ja nicht stehen, wer der Mann ist, der mit der bz über seinen Job beim Drummeli spricht. Es ist seit je ein streng gehütetes Geheimnis, wer die Drummeli-Rahmenstücke schreibt. Im vergangenen Jahr waren die Autoren wohl froh, dass die vernichtende Kritik an den Stücken sie nicht persönlich traf. Wie wird es diesmal? «Es gibt es wieder ein normales Drummeli», verspricht Anonymus. «Wir haben das Konzept um 180 Grad gedreht.» Will heissen: wieder viele Pointen, viele Sujets, auch kurze Stückli. Und zwar schon zu Beginn beim Prolog. «Die Leute wollen wissen, was im letzten Jahr alles lief – von Wessels bis Trump.»

Anonymus ist einer von fünf Männern im Autorenteam, das aus 30- bis 70-jährigen Fasnächtlern besteht. Er ist ständig auf Achse, eine wichtige Stütze der Gesellschaft, kulturell interessiert und involviert. Die Ideen kommen ihm im Tram und beim Spazieren. Sie schiessen in seinen Kopf, oft als Vers, er schreibt sie nieder, bringt sie mit ins Team, dort wird alles besprochen. Teamwork par excellence. Nach dem Flop von 2016 wollte das Comité die Texte ausserdem selber hören.

Religionskritik ist nicht per se tabu

«Früher waren die Rahmenstücke nicht so wichtig, das Drummeli war vor allem eine Leistungsschau der Tambouren und Pfeifer», sagt Anonymus. Jetzt aber werde das Drummeli vorwiegend nach den Rahmenstücken beurteilt, was auch daran liege, dass die anderen Vorfasnachtsveranstaltungen auf Humor setzten. Aber nicht nur deshalb: «Viele Zuschauer hören tolles Trommeln und Pfeifen, merken aber nicht, ob die Gruppen wirklich gut sind.»

Bei den Rahmenstücken aber könnten alle mitreden. Entsprechend wichtig sei die professionelle Arbeit an den Texten. Früher schrieben alle mit, die mitschreiben wollten. Auch Regierungsräte. Diese kommen heute nur noch als Sujet vor. Und um dieses gut umzusetzen, brauche es Feingefühl. «Es lässt sich nicht definieren, wo die Grenzen sind, das spürt man», sagt Anonymus. «Geheimnisse bleiben Geheimnisse. Die Basler Fasnacht ist kein Freipass für alles.» Rassismus und Verletzung religiöser Gefühle seien tabu. «Natürlich dürfen Religionen kritisiert werden, aber nur, wenn es gerechtfertigt ist.»

Klingt toll, Herr Anonymus, aber Hand aufs Herz: Grenzen überschreiten kann doch reizvoll sein? Nehmen wir Wessels. «Gutes Beispiel! Auf ihm kann man herumhacken. Man kann es aber auch anders machen – und auf denen herumhacken, die auf Wessels herumhacken.» Aha, Perspektivenwechsel. «Absolut!» Dieser sei immer wichtig, es sei nötig, beide Seiten zu beachten und im besten Fall in den Text einzubeziehen. Beispiel: Velos und Autos. Beide kämen beim Drummeli an die Kasse. «Das ist Ping Pong», erklärt er.

Rahmentexte setzen Wissen voraus

Der Drummeli-Vorverkauf harzt. Doch selbst, wenn der Saal im Musical Theater nicht ausverkauft ist, sitzen da Hunderte Leute, verschiedene Menschen aus verschiedenen Orten. Das gelte es zu bedenken. «Insider-Themen meiden wir, da nie alle auf demselben Stand sind.» Die Stücke setzten stets einen gewissen Wissensstand voraus, man könne unmöglich eine Geschichte von Anfang an aufrollen. «Optimal ist es, wenn in einem Text zwei Themen verbunden werden, über die alle Bescheid wissen», sagt Anonymus. Am allerwichtigsten sei aber etwas anderes: die Schlusspointe. Die müsse sitzen. Wie bei Schnitzelbänken. Dort laufe es allerdings meist nur auf diese Pointe hinaus, bei den Rahmenstücken aber brauche es auch Zwischenpointen, bei den langen sowieso.

In zehn Tagen ist Premiere. Bis dahin kann noch einiges passieren. Wenn die Schauspieler dann nicht aktualisierte Texte vortragen, kommen sie wie die alte Fasnacht daher. «Wir haben da schon ein paar Möglichkeiten, gewisse Stücke etwa könnten wir kurzfristig ergänzen.»

Doch eigentlich ist Anonymus’ Job erledigt. Er freut sich auf die Premiere, an der er sich unter das Publikum mischen und mitlachen wird – unerkannt natürlich.

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